Feodora – Brennender Orbit

Feodora – Brennender Orbit

Feodora – Brennender Orbit

Autor

Aki Moon

Chefin. Pilotin. Eine Entscheidung. Eine letzte Chance.

Ein Raumfrachter außer Kontrolle. Ein riskantes Manöver, das Sekunden dauert und alles verändert. Feodora Ziolkowska rettet ihre Station – und stürzt durch die Trümmer auf die Erde zurück. Was folgt, ist kein Triumph. Es ist der Beginn von etwas, das sie nicht aufhalten kann.

Eine Crew. Ein Auftrag. Keine einfachen Antworten.

Feodora kommandiert die Raumstation Archimedes – hartnäckig, erfahren, immer einen Schritt voraus. Als Schwerkraftanomalien den Orbit unsicher machen und Schiffe spurlos verschwinden, will sie die Ursache finden. Mit harter Physik, echter Pilotenmechanik und einer Crew, der sie mehr vertraut als sich selbst. Vom Absturz in den Dschungel Ecuadors führt sie ihr Weg in einen Orbit, in dem die Regeln der bekannten Physik nicht länger gelten – und dann weiter. In ein fremdes Sonnensystem, das mehr Fragen aufwirft, als Antworten gibt.

Zwischen den Sternen entscheidet der Mensch.

Während die Forscher des CEUS die Grenzen der Physik austesten, benötigt das Mars Colonization Council Wasser und Ressourcen, um zu überleben. Alte Freundschaften und neue Rivalitäten bestimmen, wer die Entscheidungen trifft – und wer die Konsequenzen trägt. Feodora steht mittendrin: zwischen Loyalität und Verlust, zwischen dem, was sie weiß, und dem, was sie fürchtet zu finden. Denn irgendwo da draußen, im Schweigen des Alls, wartet eine Antwort auf eine Frage, die sie sich kaum zu stellen traut.

Hard Science Fiction – atmosphärisch, temporeich, menschlich. Für Leser von Andy Weir und The Expanse.

// Outtake – Ein Kapitel zum Probelesen

Feodoras Tag

Ich schreckte zuckend aus dem Albtraum aus. Eben noch saß ich im Cockpit und versuchte erfolglos, das Seitenruder zu treten, um das Trudeln abzufangen, als der Gleiter auch schon aufschlug und ich von den berstenden Trümmern in Stücke gerissen wurde.
Der Schmerz in den Waden ließ nach, und ich kam langsam wieder zu Atem. Dass ich diesen Albtraum einfach nicht loswurde.
Ich ging ins Bad und wusch mir den Schweiß aus den Augen. Mit unruhigen Fingern ordnete ich die wirren Haare, deren kupferrot meine bleiche Haut gespenstisch leuchten ließ. Der Schreck steckte mir immer noch in den Gliedern.

Mit einer Tasse Kaffee setzte ich mich ans Fenster und ließ den Traum Revue passieren. Dass ich das Trudeln nicht ausleiten konnte, war eine Angst, die mich seit der Kindheit nicht losließ.
Ich war eben 12 geworden und saß im neuen Flieger meines Bruders auf einem dicken Kissen. Dadurch hatte ich gerade so volle Sicht nach draußen und reichte an alle Hebel und Schalter. Natürlich hatte ich die Freigabe zum Alleinflug nicht, aber das wusste der Schlepppilot nicht. Er glaubte der Tochter vom Chef und zog mich als Erste an diesem Morgen in den Himmel. Als ich an der Wolkenbasis ausklinkte, warf ich mich mit Begeisterung in die Thermik. Dumm nur, dass ich vorlauter Übermut so lange Steilkurven zog, bis mir schwarz vor Augen wurde. Als meine Sicht wieder klar wurde, raste der Boden mit überdeutlichen Details auf mich zu.
Auch damals trat ich mit voller Kraft in das Seitenruder, konnte die Drehung erst im allerletzten Moment beenden und wieder hochziehen. Als mich mein Bruder nach der Landung wütend aus dem Gleiter zog, warf er mir den traditionellen Distelstrauch für den Freiflug auf die Füße. Er schrie mich an, dass ich die Disteln selber mitgebracht hatte, und zeigte mir die Stelle an der Kufe, wo noch andere Pflanzen klebten „Du hättest tot sein können, was hast Du Dir dabei gedacht!“

Zum Frühstück ging ich wie immer zuerst in den Hangar, wo die Kadetten eifrig an den Gleiter putzten, nahm mir das letzte Sandwich und blätterte den Plan für heute durch.
Mit der Kladde in der Hand ging ich an das Tor, schaute in das Morgenrot und wartete darauf, dass die Kadetten zum Appell antraten.
Erwartungsgemäß war es Maria, sie scheuchte die anderen rechtzeitig zur Linie.
„Guten Morgen Kadetten!“
„Guten Morgen Feodora!“
„Wie ihr sehen könnt, ist das Wetter ausreichend gut um bis zum Mittag die Start/Landeprüfungen abzuschließen. Ihr könnt heute diesen Abschnitt mit einer guten Note beenden.“
Allgemeines Gemurmel erhob sich, erwartungsvoll schauten sie mich an. „Die beste Punktlandung wird mit …“, demonstrativ blätterte ich die Kladde durch, „allgemeiner ‚Behuldigung‘ in der Kantine nach dem Debriefing belohnt! Fragen? Nicht? Dann los!“

Aufgeregt schnatternd lösten sie sich und bauten den Start auf. Nach den ersten Flügen und den perfekten Landungen war es an mir, der Ausbildungsleiterin, für etwas Aufregung zu sorgen. Bei schönem Wetter kann jeder schön landen. Um aber sicher unter allen Umständen jede Art von beweglichem Gerät unzerstört abzusetzen, bedarf es mehr. Auch wenn Gefahrentraining nicht Bestandteil dieser Ausbildungseinheit war, konnte jede einzelne Erfahrung wichtig sein.
Nun war ich es, die aufgeregt wurde. Beiläufig schlenderte ich zum Flugleiter hinüber, der mein (hoffentlich raubtierhaftes) Grinsen bemerkte und erblasste. Offenbar hatte er gehofft, dass sein Dienst heute ohne Zwischenfälle zu Ende ging. Dabei hätte ihm klar sein müssen, dass ein Prüfungstag mit mir nicht ohne Überraschungen zu Ende geht.
„Hey …. . Ich hatte gesehen dass du für Wölkchen eingesprungen bist.“ Wölkchen war eine nette Umschreibung für die füllige Navigationstrainerin, die eigentlich heute dran wäre.
„Ja …“ Er zögerte kurz. „Allerdings hätte ich dich heute hier nicht erwartet. Sollte Franz nicht die Prüfungen abnehmen?“
„Ja, schon Ich hatte ihn aber überredet zu tauschen.“
Er schaute verärgert. Hätte er nicht getauscht, würde Wölkchen den Spaß haben.
„Ok, was hast du vor?“, fragte er ergeben.

„…. Sie haben was gemacht? Für die Prüfungen die Landebahn gesperrt?“ Der Direktor der Ausbildung, Strauß, hatte mich in sein Büro beordert. „Was ist das denn für ein Mist! Absurd! Sie haben gegen alle Regeln verstoßen. Wie stehe ich denn da, wenn ich das durchgehen ließe. Sie haben die Gesundheit der Kadetten aufs Spiel gesetzt! Ganz zu schweigen von …“
So langsam machte ich mir Sorgen, da sein Gesicht die Farbe wechselte. Interessiert nahm ich wahr, dass seine Hände nicht mehr zitterten. Offenbar tat ihm ein wenig Aufregung mal ganz gut.
„ … von meiner Gesundheit!“ Er legte noch Lautstärke nach. „Wissen Sie denn, wer unter den Kadetten war? Ja?“ Er schlug krachend die Hand auf den Tisch. Jetzt hatte ich aber auch genug. Wollte er mir etwa sagen, dass sich unter den Kadetten jemand Wichtiges befand, den es zu behüten galt?
Ich machte einen Schritt auf ihn zu und fixierte ihn.
„JEDER hat die Aufgabe gemeistert. ALLE haben eine Lösung gefunden und die Situation gelöst!“ Meine Stimme war jetzt ausreichend laut, um auch auf dem Platz gehört zu werden. „Alle Kadetten haben mit Auszeichnung bestanden und verdienen vollen Respekt!“
Er starrte mich an und ließ sich schwer atmend in seinen Sessel fallen. „Ich wurde angewiesen, Sie von der Ausbildung abzuziehen. Melden Sie sich in der Zentrale als verfügbar und hoffen Sie auf einen langweiligen Posten, auf dem sie ohne Herzinfarkt alt werden können. Sie dürfen gehen.“
Kerzengerade verließ ich betont gelassen das Büro und ging hinüber zum Hangar, vor dem die Gleiter fertig geputzt wie für eine Parade aufgereiht waren. Dort warteten schon die Kadetten, die mich betroffen anschauten. Ich winkte kurz ab, um klarzumachen, dass ich keine Mitleidsbekundungen wünschte.
„Eure Noten habe ich schon in der Kantine ans board gepinnt. Eure Ergebnisse habt ihr sicher schon gehört.“ Allgemeines Nicken in der Runde. „So …“, ich rieb mir Hände. „Keine Entwicklung ohne Wettbewerb. Keine Erkenntnisse ohne Herausforderung.“ Ich zögerte kurz. „Kein Verständnis für Regeln, ohne erlebten Regelbruch.“ Enthusiastischen Nicken, wie ich zufrieden registrierte. „Also, da ich euch das Lande-T weggezaubert hatte, konnten wir keine Landepunkte vergeben. Was meint ihr also, wer hat die beste Landung hingelegt?“
Die Köpfe drehten sich zu Fritz herum, der sich eine blonde Strähne aus der Stirn pustete und gestelzt intonierte. „Wie die geschätzte, äh geschasste Ausbildungsleiterin sicher bemerken konnte, wurde durch hochpräzise manuelle Karten Echtzeitnavigation, trotz der extrem kritischen Situation, in die sich die Prüflinge durch unerwartet plötzlichen Wegfall erwarteter befestigter Landebahnen …“, demonstrativer Blick in meine Richtung, „ vom ausführen Kadetten die Ausweichbahn W wie Wiese angesteuert, korrekt abgefangen und abgebremst. Ausführender Kadett setzte Fuß L erwartungsgemäß exakt neben dem Cockpit ab und traf Punkt S sauber mittig.“ Er hielt den linken Fuß hoch. Jetzt wurde auch klar, was mit Punkt S gemeint war.
Mit eingefrorenem Gesicht stakste ich auf ihn zu, streckte ihm die Hand entgegen und presste unter mühsam unterdrückten Lachen hervor: „Kadett Fritz Müller. Hiermit beglückwünsche ich sie zu dieser Sch… Leistung und verleihe Ihnen den Kuhdung Orden erster Klasse!“
Die johlenden Flieger umringten uns und warfen den blauäugig strahlenden Jungen in die Luft.

Während der Hangar eingeräumt wurde, machte mir das ausgefallene Mittag doch zu schaffen. Die gute Thermik hatte mich verleitet, die Kadetten weiter fliegen zu lassen und den Plan zur Verschärfung der Prüfung auszuhecken. Die Landebahn als gesperrt zu deklarieren war die einfachste Lösung gewesen.
Ich fragte mich immer noch, wer der wichtige Kadett sein könnte, und wie es so schnell zum Rauswurf aus der Ausbildung kam. Auf dem Weg in die Kantine ging ich gedanklich das Debriefing durch. Viel zu sagen war ja nicht. Allerdings würde es nun mein Letztes werden, und mir wurde doch schwer ums Herz. Das Debriefing verlief wie erwartet. Ich zählte kurz auf, welche Kadetten wie bestanden hatten und welche hardware verwendet wurde. Probleme gab es auch nicht, also musste auch nichts für die Technik vermerkt werden.
„Da jeder inzwischen weiß, dass ich ab morgen nicht mehr hiersein werde, gibt es eine Runde von mir für alle.“
„Wirklich für alle?“ Strauß stand mit rotem Gesicht hinter mir, offenbar wollte er das Debriefing nutzen, um mich vor allen runterzuputzen.
Nur war ich schneller und grinste ihn an. „Selbst für die unleidigen unter uns“. Er schnaufte und schnippte nervös mit schweißigen Fingern. Das kann ja heiter werden, dachte ich und sah zu, wie die „Behuldigung“ ihren Lauf nahm.
Fritz hatte tatsächlich schauspielerische Qualitäten, kam mit einem Nudelholz in der Hand durch die Gasse in der Menge geschritten, nickte huldvoll und ließ sich auf den Thron aus Bierkästen nieder. „Möge die Huldigung beginnen!“
Ich ging zu Strauß und fragte ihn wegen des wichtigen Kadetten. Ich konnte mir kaum vorstellen, wie es zu der Ablösung von oben gekommen war. Er grinste schmierig und nickte nur in Richtung Fritz. „Wer könnte wohl sein Vater sein.“
Ich sah hinüber und versuchte mir ihn 30 Jahre älter vorzustellen. Aber ich kam nicht drauf.
„Das interessiert mich nicht. Ich frage mich, wie der wichtige ‚Vater‘ so schnell davon Wind bekommen konnte. Und von was überhaupt. Wir haben Gefahrentraining durchgeführt. Entsprechend ihrer Ausbildung hat das auch perfekt geklappt.“
Doch Strauß ging nicht darauf ein. „Offenbar war die Situation, die SIE verursacht hatten, so gefährlich, dass jemand mit Vernunft und Sorge die Aufsicht informierte.“ Er triefte förmlich vor Befriedigung. „Dieser ‚Jemand‘ sorgte auch dafür, dass die Kadetten sicher landen konnten und niemanden etwas passierte.“
„Was!“ brachte ich mühsam beherrscht hervor. „Dass die Kadetten sicher landeten, war allein ihr Verdienst. Und das der Ausbildung. Sie hatten alles im Griff. Außerdem war die ‚Situation‘ nicht ‚gefährlich‘. Jeder mit einem Fünkchen Verstand …“, eine Ader begann, an seiner Stirn sichtbar zu pulsieren, „ … und etwas Übung kann das problemlos hinbekommen.“ Ich sah in seine verkniffenen Augen. „Wann hatten Sie ihr letztes Gefahrentraining?“ Ich musterte ihn übertrieben langsam und blieb an seinem „Feinkost Gewölbe“ hängen. „Ach, Gleiter in ihre Konfektionsgröße gibt es ja gar nicht …“ Ich klopfte ihm gönnerhaft auf seine speckige Weste und ließ ihn stehen. Ich hatte ihn genug geärgert, es wurde Zeit sich um die wichtigen Dinge zu kümmern und die Kadetten zu feiern.

Nach dem letzten Bier ging ich müde mit Fritz zur Unterkunft. Er sah mich an. „Was wirst du morgen machen?“ Ich zuckte mit den Schultern „Erstmal in die Zentrale fahren und sehen, was sie für mich haben. Ihr seid fertig und braucht mich nicht mehr.“
Er nickte bekümmert. „Ja, uns bringt so schnell nichts mehr aus der Ruhe.“ Sie hatten sich alle schon mehrfach bei mir für die Ausbildung bedankt, das musste er nicht extra wiederholen.
Ein interessanter Bursche. „Woher kommst Du eigentlich? Oder, wie bist Du überhaupt hierher gekommen?“
Er lächelte verhalten. Mich beschlich ein seltsames Gefühl, als ich ihn so lächeln sah. Meine Härchen auf den Armen stellten sich auf.
„Warte mal. ‚Fritz Müller‘ ist doch nicht echt, oder? Das ist ja so unglaublich … dämlich.“, von mir. Wieso sah ich das nicht früher? „Wer bist Du wirklich?“
Er lachte auf. „Bin ich nun endlich entlarvt? Ja?“ Er schaute mich an. Diese blauen Augen … „Also ich bin Fritz. Das ist sicher. Aber Müller ist nicht richtig. Einen ‚wichtigen‘ Vater habe ich aber nicht.“
Das hatte er also auch gehört. „Und weiter?“ Ich konnte meine Neugier kaum noch zügeln.
„Meine Oma …“
Ah … ja … Sein Vater weckte kein Bild in mir. Aber seine Oma. „Gesine von Wolfenstein“
„Genau“, sagte er. „Hast du das schon früher gewusst?“
„Nein, du warst für mich immer ein unbeschriebenes Blatt. Jetzt steht da drauf: ‚Mit Auszeichnung bestanden‘“.
Seine blauen Augen strahlten. „Schön, dass man auch ohne großen Namen anerkannt wird“. Ich legte meine Hand auf seinen Arm. Was sich sonderbar anfühlte. Nicht erotisch im eigentlichen Sinn, doch vertraut. „Ich weiß, was du meinst. Aber du konntest vieles von dem, was andere erst lernen müssen, schon vorher. Oder lernst es schneller. Du hast einfach das richtige Gefühl, wenn du etwas neues lernst. Das ist …. toll!“
Endlich im Bett stellte ich mir die morgige Begegnung in der Zentrale vor. Sicherlich würde ich mich wegen meiner Regelverstöße vor der oberen Leitung verantworten müssen. Zum Glück war das eine Frau. Eine, die ich schon kannte.
Gesine von Wolfenstein …